Gudrun Petersdorff · Malerei und Grafik

Gudrun Petersdorff oder:
Die Versüdlichung der Welt
Andreas Höll
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„Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin./ Doch manchmal, in Gedanken, lässt der eine/ dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl“. So beginnt Rilkes Gedicht „In einem fremden Park“, in dem er die tastenden Schritte des Flaneurs umkreist. Es ist ein abgezirkeltes Areal, in dem sich Natur und Zivilisation auf das Kunstvollste verschränken und imaginäre Räume eröffnen. Es ist jene Sphäre, wo die Gesetze des als ob gelten und das Organische und Konstruierte die Realität ebenso verrücken wie steigern.

Gudrun Petersdorff hat sich schon früh von der Welt der „Parke“, wie Rilke schrieb,  faszinieren lassen. Ausgerechnet bei einer Spanienreise im Jahr 1988, ausgestattet mit einem für DDR-Verhältnisse fast unwirklich erscheinenden Reisevisum, kam es zur Initialzündung. Im Königlichen Garten zu Madrid skizzierte sie erstmals die künstlichen Paradiese und begann daraufhin, in unzähligen Bildern ihre Parklandschaften zu entwerfen. Vor allem die Renaissance- und Barockgärten mit ihren ausgeklügelten geometrischen Strukturen haben sie inspiriert. Dabei erarbeitete sie sich eigene Perspektiven, welche die Architekturen verschieben und verdichten. Zylinderförmige Zypressen markieren Räume, gestutzte Hecken bilden rechteckige Felder,  gewaltige Buchsbaumkugeln werfen kreisrunde Schatten, Kuben aus Blattwerk bringen Torbögen oder Wände hervor.

Es sind leuchtende Gemälde wie aus einem fernen Paradies, die Farben versprühen Kraft und Energie, man spürt ein subtiles Changieren, wenn etwa dunkles und helles Grün auf violette Bergformationen trifft, die an tintenblaue oder orangefarbene Himmelsstreifen stoßen.

Die Arbeiten von Gudrun Petersdorff basieren auf Skizzen und Zeichnungen, die sie nicht nur in Deutschland angefertigt hat, sondern auch auf ihren Reisen nach Frankreich, Italien, Schweiz bis hin nach Israel, Vietnam und in die Karibik. Hier scheint oftmals das Fremde, Exotische auf: Boote durchpflügen das magische, von  Bergen gesäumte Blau der Halong-Bucht, rosafarbene Seerosen sind in ein türkisenes Wasserbecken gleichsam hineinmontiert, kunstvolle geschichtete Steinformationen erheben sich in dunklem Violett (Garten in Hue).

Doch auch das Heimische wird verwandelt. Eine Wiese in Leipzig-Schönefeld erscheint als Abstraktion aus Strichen und Flecken, der Park von Niedersedlitz  als mediterranes Refugium in winterlichem Licht (Bevor alles grünt) oder ein Windpark bei Bernburg als heitere Sommerlandschaft mit grellgelben Rapsfeldern und filigranen Rotoren. So arbeitet die Malerin aus nordeuropäischen Gefilden an ihrer Versüdlichung der Welt.

Mit der Aura eines imaginären Südens scheinen auch viele Stilleben von Gudrun Petersdorff aufgeladen zu sein. Seien es die Nahaufnahmen von hochhackigen Frauenschuhen, die auf Schaufenstersockeln ihr Eigenleben entfalten und auf ihre abwesenden Trägerinnen verweisen. Oder die Gemälde von Torten, welche in vielfältigen Mustern schwelgen,  oder jene stilisierte Lachsröllchen und Sushihäppchen, die wie Skulpturen aussehen. Ob Mode, Essen oder Natur – die Arbeiten der Malerin sind von einer Sinnlichkeit geprägt, die ebenso verführerisch wie formal gebändigt erscheint.

Auch in ihre Stadtlandschaften folgen einer  ästhetischen Ordnung, in der sich zuweilen selbst scharfe Kontraste zu einer eigenen Harmonie fügen. Sei es die verwinkelte Architektur einer marokkanischen Küstenstadt, wo sich Räumlichkeit in farbige Flächen auflöst, seien es brutalistische Bauten in Tel Aviv (Unfertiges Haus/ Israel oder Busbahnhof, Tel Aviv), die den Stadtraum dominieren oder das haushohe Kreuzfahrtsschiff, das im Hafen von Nizza vor Anker geht - die Kompositionen von Gudrun Petersdorff verwandeln die Zivilisation des 21. Jahrhunderts in ausbalancierte Szenerien. „Ich würde manchmal gerne ein hässliches Bild malen“, sagt die Künstlerin, „aber es gelingt mir nicht.“ So wird selbst das Motiv einer Vorstadttankstelle oder einer plumpen Betonbrücke, die einen trostlosen Jachthafen überspannt, zu einer Chiffre des Südens.   

In der DNA von Gudrun Petersdorff gibt es offenbar ein mächtiges Schönheits-Gen, das sie an der Verzauberung der Wirklichkeit arbeiten läßt. Manchmal hart am Kitsch, aber selten nur wird die Grenze überschritten. Denn die Leerstellen in ihren Bildern, das Fragmentarische, das Reduzierte, das Flächige, das zuweilen Leere ist ihr Gegengift zur holistischen Idylle. Eine scheinbare Naivität, die einen doppelten Boden einzieht, der die Brüchigkeit dieser Konstruktionen erahnen läßt. Ein Sinn für Schönheit, der ein Vorschein sein mag auf eine mit sich selbst versöhnte Welt und der zugleich ein Ausdruck ist für eine Sehnsucht, die nicht zu stillen ist. Es ist jenes utopische Moment, das der Philosoph Ernst Bloch einst als etwas beschrieben hat, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“