Gudrun Petersdorff · Malerei und Grafik

Gudrun Petersdorff - Sinnlicher Zugriff auf Welt
Ina Gille
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Zeichnen, bei Gudrun Petersdorff ist es sinnlicher Zugriff auf Welt und gehört von Beginn an zu ihrem künstlerischen Tun.

Die meisten Blätter entstehen vor Ort und sind an das Sichtbare gebunden, an das, was die Künstlerin interessiert und herausfordert. Narratives, assoziativ sich Vermischendes sind kaum zu finden. Das Geheimnis ihrer Kunst liegt in der besonderen Art auf die Welt zu sehen, und das Gesehene im Prozess der Zeichnens und Malens zu verwandeln, es in einer poetischen Weise zum Sprechen zu bringen.

So betrachtet, sind ihr malerisches und ihr zeichnerisches Œuvre nicht zu trennen. Dennoch bilden beide zwei selbständig nebeneinader existierende Bereiche, mit Verbindungen und Brücken zueinander hin und voneinander weg.

Im Vergleich zu den Malereien sind die Papierarbeiten intimer, manchmal rigeroser, manchmal vorsichtiger, auf alle Fälle sind sie unmittelbarer im Zugriff und entstehen in kürzerer Dauer, unter größerem Zeitdruck. Mit ihnen, auf ihnen wird gefunden und gesammelt, was dann, vereinfacht in der Form, aufgehoben in ungewöhnlichen Farbakkorden, zu der sehr eigenen Petersdorffschen Malerei wird. Als Möglichkeit sind die Bilder bereits den Zeichnungen eingeschrieben. Denn beim Zeichnen wird die Phantasie der Künstlerin angefacht, sich am Geschauten aufzuspannen, groß zu werden, wodurch die winzigen Verschiebungen gelingen, die Verrückungen und Verfremdungen, die das Gesehene auf der Fläche erst zur Kunst werden lassen. Artifizielle Blätter, die wie ein Netzwerk das ideelle und formale Fundament ihres Arbeitens bilden. Von dieser intimsten und direktesten Art künstlerischer Äußerung geht das gesamte Werk der Künstlerin aus und hierüber wird es ständig überprüft, sozusagen unter Kontrolle gehalten.

Dabei ist der sehende Zugriff Gudrun Petersdorffs sicher und schnörkellos, zugleich aufgeladen mit Empathie. Zeichnen wird zur Transformation, zur Übersetzung, Findung wie Selbsterkundung in einem. Damit steht sie in der Tradition ihres Lehrers Bernhard Heisig, dessen künstlerische Haltung in Auseinandersetzung mit Künstlern wie Max Beckmann und Oskar Kokoschka gereift ist. Quasi unsichtbar anwesend Paula Modersohn-Becker, die Surrealisten mit ihren Traumimitaten sowie Henri Matisse und Pablo Picasso, die bewunderten Zeichner. Anverwandelte Kunstgeschichte, Maßstab wie Herausforderung, dem eigenen künstlerischen Tun zu trauen, es in die eine, nur Gudrun Petersdorff mögliche Ausformung zu treiben, den eigenen Weg zu gehen.

In den unzähligen Blättern verschiedenster Papiere und Größen, beschrieben mit Kreiden, Kohle, Tuschen und Wasserfarben, kann man lesen wie in einem Tagebuch, kann den Erlebnissen der Künstlerin nachgehen, ihren Interessen folgen, ohne voyeristisch mit Intimitäten umstellt zu werden. Da ist immer eine Grenze, was sie zeichnet bleibt Ort der Verwandlung, wird neuer Raum. Die angestrebte Harmonie zwischen dem, was sie sieht und ihren inneren Vorstellungen ist weder sentimental noch verklärend, sie äußert sich eher in einem spröden Grundton, einer Art kühlen Distanz.

Die Motive sind alltäglich ohne zu Banalitäten zu verkommen. Ihr Werk bewegt sich in stetig sich weitenden thematischen Kreisen, die Zeichnungen gehören dazu, machen den Anfang.

Es sind die Straßen ihrer Stadt wie die anderer Städte, sind einzelne Häuser, Parkanlagen, sind Wasserläufe, Zirkusszenen. Es sind Ein- und Ausblicke auf Landschaften, Auseinandersetzungen mit der freien Natur, die der Fremde wie die der Nähe. Gudrun Petersdorff zeichnet Freunde und Bekannte, macht sie zu ihren Aktmodellen, versucht sich immer wieder an Porträts, an Selbstbildnissen.

Ihre Aktzeichnungen sind fast klassich zu nennen, ohne in den akademischen Normierungen von „richtig“ oder „falsch“ zu versanden. Sicher gesetzte Umrisslinien, wenige Schraffuren, lockere Strichlagen lassen die Figuren aus ihrer Anonymität treten, sie zu sozial konkreten Personen werden. In den Hintergründen vor allem der frühen Aktzeichnungen, stellt sich wie nebenher, über einen den Raum engenden Kachelofen, eine herumstehende Heizsonne oder ein sich quer stellendes Laufgitter, das Atmosphärische jener Jahre her, bindet die Dargestellten in ein kontretes Milieu, das zugleich das damalige Lebens- und Arbeitsumfeld der Künstlerin war. Nicht nur die Aktzeichnungen atmen ein solches Klima. Auch in den Stadtzeichnungen der 80er und beginnenden 90er Jahre ist es zu finden, wenn auch auf andere Weise. Hier äußert es sich in der Leere der gezeichneten Leipziger Straßen, in der kahlen Verlassenheit von Straßenzügen, die weder Menschen noch Autos zeigen. In trauriger Trübnis, die nicht selten in dunkeltonigen Farben glimmt, werden die stolzen Gründerzeithäuser zu verwunschenen Schlössern, wartend auf einen Erlöser. Angehaltene Zeit, bedrohliche Ruhe auch in der Plagwitzer Industriegegend. Wie nebenbei verorten sich diese Zeichnungen in einem historisch konkreten Zusammenhang, ohne an Poesie oder Privatheit zu verlieren.

Von ihren Reisen bringt die Künstlerin dichte Notate in Kreide, Gouachen satter Farben und mutwilliger Formungen, sowie schwarze Tuschzeichnungen fast abstrakter Distanz mit. Auch die meisten Blätter mit den Gartenanlagen aus Renaissance und Barock sind vor Ort entstanden und schon dabei zu den verwunschenen Gebilden geworden, die seit dem das Werk der Malerin in vielfältigen Variationen durchziehen. Labyrintähnliche Räume, in denen Brunnen und Skulpturen ein unergründliches Dasein führen, von skurrilen, heiter fliegenden Wolken überdacht. Sogar die dunkle Grüntonigkeit mit den sparsam gesetzten Akzenten in Altrosa ist in den Zeichnungen vorgeprägt.

Aufmerksam verfolgt Gudrun Petersdorff weiterhin über all die Jahre Konzertaufführungen sowie Zirkus- und Varieteveranstaltungen. In deren Nachbereitung entstehen große farbige Blätter, die die Grenzen zu den Malereien verwischen oder sich zu Collagen weiten können.

Ab und an Irritationen, die mutwillig das zeichnerische Werk durchziehen, Perspektiven wechseln lassen, die falsch scheinen, um richtig zu sein, oder den Raum in der Fläche verlieren, um als Raum sich den Augen zu öffnen.