Gudrun Petersdorff · Malerei und Grafik

»Nicht immer über Vorbilder reden!«
Eugen El im Gespräch mit Gudrun Petersdorff
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Eugen El: Gudrun Petersdorff, Sie interessieren sich sowohl für die Stadt als auch für die Landschaft. Was ist Ihnen lieber, Stadt oder Land?

Gudrun Petersdorff: Ich sehe mich als einen Stadtmenschen. In meiner Arbeit profitiere ich aber von den Eindrücken, die ich direkt vor Ort sammle. Sie fließen in meine Zeichnungen ein. Landschaften sind für mich auch eine Inspirationsquelle, die ich in meinen Gemälden weiterverarbeite.

Ist Leipzig für Sie eine Art Refugium der figürlichen Zeichnung? Wie konnte sie dort jenseits des Akademismus und des Konzeptualismus überleben?

Durch die Hochschule für Grafik und Buchkunst hat Leipzig eine lange Tradition in der Künstlerausbildung. Hier kriegt man die Grundlagen im Zeichnen nach der Natur vermittelt. Es ist eine gute Basis für die weitere künstlerische Arbeit. Denn beim Zeichnen offenbart sich die Fähigkeit des Künstlers. Auch die gegenständliche Malerei ist in Leipzig seit Langem verwurzelt. Man sieht, dass hier gute Qualität entsteht, weil das Können da ist. An einigen Kunsthochschulen wird diese Ausbildung nicht solcherart gepflegt.

Entstehen Ihre Zeichnungen und Aquarelle komplett vor Ort? Oder bearbeiten Sie diese im Atelier nach?

Alles entsteht draußen, vor Ort. Wenn mich das Motiv weiter interessiert, dann arbeite ich im Atelier in einem größeren Format weiter. Die Zeichnungen und Aquarelle nutze ich in diesem Fall als Vorarbeiten für Gemälde und Druckgrafiken. Für eine Zeichnung vor Ort brauche ich ungefähr zwei Stunden. Manchmal entstehen aber auch flüchtige Skizzen.

Wie suchen Sie sich die Motive aus? Spontan oder schauen Sie sich genau nach geeigneten Orten um?

Während meines Aufenthalts in Israel 2009 bin ich erst einmal lange unterwegs gewesen auf der Suche nach passenden Motiven und Themen. Es gibt aber auch Momente, wo man etwas sieht und es sofort festhalten möchte. Dafür habe ich immer ein Skizzenbuch dabei. Übrigens arbeite ich kaum nach Fotos.

Woher kommt Ihr Interesse für Brücken?

Brücken interessieren mich vor allem als grafisches Motiv, als Bauwerk mit einer bestimmten Struktur. Dass ich in Leipzig Brücken zeichne, ist schon seit einiger Zeit ein Thema von mir. Viele dieser Brücken sind sehr alt, und wer weiß, wie lange es sie noch gibt. Auch die städtische Umgebung ist für mich interessant.

Die Stadt mit ihren industriellen Anlagen war ein beliebtes Motiv für Künstler der Neuen Sachlichkeit. Haben Sie eine Verbindung zu dieser Epoche?

Es gibt spannende Bilder, die inspirierend sein können. Zum Beispiel bewundere ich Max Beckmanns Frankfurter Landschaften. Da gibt es dann Querverbindungen. Ich finde es gut, welche Stimmungen Beckmann erzeugen kann. Doch ist er nicht der Einzige, der mich interessiert. Auch Matisse, Hockney und Ernst Ludwig Kirchner sind für mich wichtig. Es gibt viele Künstler, deren Qualität mich überzeugt, auch wenn sie nicht in meinem Metier arbeiten. Aber, man muss nicht immer über Vorbilder reden!

In Ihren Zeichnungen sieht man nur selten Menschen. Welche Gründe hat das?

Für mich wird es dann oft zu erzählerisch, das mag ich nicht so sehr. Doch manchmal ist es wichtig, dass eine Figur oder mehrere im Bild präsent sind.
Das bezieht sich aber mehr auf die Landschaftszeichnungen, ansonsten finde ich die Beschäftigung mit der Figur sehr spannend.

Ergänzen sich Ihre Malerei und die Zeichnung? Nutzen Sie die Zeichnung, um etwas anderes auszudrücken als in der Malerei?

In der Malerei geht es mir mehr um die Zuordnung von Farben und Flächen. Auch habe ich da mehr Zeit. Eine Leinwand kann man mehrfach übermalen. In der Zeichnung und im Aquarell gibt es hingegen einen Punkt, wo es nicht mehr weitergeht. Außerdem sind in der Malerei ganz andere Formate möglich. Das macht einiges aus.

Spielt die Mobilität und die Schnelligkeit der Zeichnung eine Rolle?

Die Zeichnung ist meistens spontaner, unmittelbarer. Sie hält den ersten Eindruck fest, was auf meine Malerei nicht unbedingt zutrifft.

2009 haben Sie einige Zeit in Herzliya, Israel, gelebt. Wie war Ihr Eindruck? War Israel ein guter Ort für Ihre Kunst?

Die Stadt Leipzig hat eine Partnerschaft mit Herzliya, in deren Rahmen ich fünf Wochen dort verbracht habe. In dieser Zeit sind viele Arbeiten entstanden. Ich hatte gute Arbeitsmöglichkeiten, aber leider keine Ausstellungsgelegenheit. Vor allem hatte ich viel Zeit, mich dort umzuschauen.

Welche Reisen und Projekte haben Sie in der nächsten Zeit vor?

Dieses Jahr habe ich intensiv an Druckgrafiken, vor allem an Holzschnitten gearbeitet. In der nächsten Zeit habe ich vor, an die Atlantikküste Frankreichs zu fahren, in die Gegend von Bordeaux. Außerdem möchte ich mit Kollegen nach Sizilien reisen.